Stellen Sie sich vor, Sie wollen an einem Sonntagnachmittag einfach mal raus – nach Soest, ein Eis essen auf dem Marktplatz, ein Spaziergang durch die historische Altstadt. Von Paderborn aus ist das eine Strecke von etwa 60 Kilometern. Die Zugfahrt dauert gerade einmal 45 Minuten. Und was kostet dieses kleine Stück Lebensqualität? 16,20 Euro – einfach.
Ja, richtig gelesen: Für eine einfache Fahrt mit dem Regionalzug von Paderborn nach Soest verlangt der WestfalenTarifderzeit 16,20 Euro. Und das ist kein flexibles Online-Ticket – dieses Ticket kann nicht einmal in der App genutzt werden. Es ist nur gültig für exakt vier Stunden. Preisstufe: 7M. Was auch immer das bedeuten mag – für Gelegenheitsfahrer*innen ein undurchschaubares System aus Buchstabenkombinationen, Preisstufen, Zonen und Gültigkeitsbereichen.
So wird der öffentliche Nahverkehr zum Luxusgut
Für viele Menschen – gerade Ältere, Alleinerziehende, Azubis oder Menschen mit kleinem Einkommen – ist dieser Preis schlicht nicht machbar. Eine spontane Bahnfahrt wird zur finanziellen Belastung. Dabei ist das Ziel doch klar: Wir wollen den Umstieg vom Auto auf Bus und Bahn. Fürs Klima, für die Umwelt, für lebenswerte Städte. Doch solange der ÖPNV so teuer, kompliziert und unpraktisch bleibt, ist er für viele keine echte Alternative.
Warum wir den ÖPNV endlich ticketfrei machen müssen
Ein ticketfreier Nahverkehr würde den Alltag vieler Menschen radikal erleichtern – und unsere Gesellschaft gerechter machen. Keine Automaten, keine Ticketkontrollen, keine überteuerten Preisstufen. Stattdessen: Einfach einsteigen und losfahren. Klingt utopisch? Ist es nicht.
Im Gegenteil: Ein ticketfreier ÖPNV spart sogar Geld. 2023 lagen die bundesweiten Ticketeinnahmen bei rund 12 Milliarden Euro. Selbst bei einer Verdopplung der Fahrgastzahlen wären die Kosten überschaubar – und die Vorteile überragend:
Barrierefreiheit: Alle Menschen können den ÖPNV nutzen – unabhängig vom Geldbeutel oder vom technischen Know-how.
Effizienz: Keine teure Infrastruktur für Ticketautomaten oder Kontrollpersonal mehr.
Klimaschutz: Mehr Menschen in Bus und Bahn bedeuten weniger Autos auf den Straßen, weniger CO₂, weniger Stau.
Attraktivität: Städte werden lebenswerter, wenn weniger Verkehr, Lärm und Abgase die Straßen dominieren.
Ein Beispiel aus dem echten Leben – und warum es anders werden muss
Die Strecke Paderborn – Lippstadt – Soest zeigt exemplarisch, wie absurd das aktuelle Tarifsystem ist. 16,20 Euro für eine einfache Fahrt, für vier Stunden Gültigkeit, ohne digitale Flexibilität. Ein spontaner Besuch bei Freunden, ein Ausflug ins Grüne oder ein beruflicher Termin wird zur wirtschaftlichen Entscheidung. Viele sagen dann: „Ich fahre lieber mit dem Auto – ist billiger und flexibler.“
Das darf nicht sein. Wir brauchen einen ÖPNV, der nicht abschreckt, sondern einlädt. Einen, der nicht ausgrenzt, sondern verbindet.
Fazit: Der ÖPNV muss öffentlich bleiben – und frei zugänglich werden
Der Nahverkehr ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Er sollte behandelt werden wie das Trinkwasser oder die Müllabfuhr: als Selbstverständlichkeit, nicht als Luxus. Wenn wir wirklich klimafreundlich, sozial gerecht und zukunftsorientiert denken wollen, dann brauchen wir einen einfachen, bequemen, ticketfreien Nahverkehr – auch in Nordrhein-Westfalen, auch in Westfalen, auch in Paderborn und Soest.