Ich erinnere mich gut an den Geruch von frischgebackenem Brot aus der Bäckerei an der Ecke, an die langen Sommerabende auf dem kleinen Platz hinter der Brüderstraße, an mein erstes Fahrrad, das ich stolz durch die Winfriedstraße schob. Die Paderborner Südstadt war nie nur ein Wohnort – sie war ein Zuhause. Mein Zuhause.
Hier habe ich laufen gelernt. Hier bin ich zum ersten Mal allein zur Schule gegangen – zur alten Melanchthon-Grundschule. Hier stand mein erster Schneemann. Mein ganzes Fundament als Mensch wurde zwischen diesen Straßen gelegt. Und ich weiß: So geht es vielen. Die Südstadt ist voll von Erinnerungen, Begegnungen, Nachbarschaft.
Doch dieses Zuhause gerät ins Wanken.
Der neue Mietspiegel bringt unbequeme Wahrheiten ans Licht
Seit dem 1. April 2025 gilt der neue qualifizierte Mietspiegel für Paderborn. Und er spricht eine deutliche Sprache: Die Mieten steigen – nicht in kleinen Schritten, sondern in Sprüngen. Besonders betroffen: unsere Südstadt.
Eine kleine Wohnung unter 35 Quadratmetern kann laut Mietspiegel bis zu 10,43 Euro pro Quadratmeter kosten – und das nur als Basiswert, ohne Lagezuschläge. In der Innenstadt etwa kommen nochmal über 50 Cent pro Quadratmeter obendrauf. Und auch die äußere Kernstadt, zu der die Südstadt gehört, ist kein Schnäppchen mehr.
Ich frage mich: Was passiert mit all den Menschen, die hier wohnen und nicht einfach umziehen können? Den Rentnerinnen, den Alleinerziehenden, den Familien mit zwei Kindern, die in dritter Generation hier leben? Werden sie verdrängt? Wird unser Viertel zu einem Ort für Besserverdienende, ohne Seele, ohne Geschichte?
Vom Miteinander zum Nebeneinander?
Ich habe viele Jahre in Nordborchen gelebt, im Gemeinderat gearbeitet, im Kreistag von Paderborn mitdiskutiert – aber mein Herz schlug immer für die Südstadt. Und jetzt, wo ich wieder hier wohne, sehe ich: Es brodelt. Menschen machen sich Sorgen. Manche schweigen, andere resignieren.
Früher gab es den Arbeitskreis „Visionen für die Südstadt“ – ich war ein Teil davon. Wir haben Ideen entwickelt, diskutiert, gestritten, gestaltet. Heute bleibt davon nur noch ein monatliches Quartierstreffen im AWO Leo, liebevoll organisiert, mit viel Herzblut – aber spürbar unterfinanziert, ohne echten Hebel für strukturelle Veränderung.
Dabei brauchen wir genau das: Räume der Mitbestimmung. Orte, an denen Menschen ihre Nachbarschaft mitgestalten können. Ein echtes Stadtteilbüro. Ein fester Jugendtreff. Mehr bezahlbare Wohnungen, und zwar jetzt – nicht irgendwann.
Die Südstadt braucht kein Gentrifizierungsprojekt. Sie braucht Solidarität.
Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Südstadt zu einem reinen Anlageobjekt verkommt. Sie war nie perfekt – aber sie war echt. Multikulturell, laut, herzlich. Hier kennt man sich, hilft sich, streitet sich auch mal auf dem Bürgersteig, aber findet sich wieder beim Nachbarschaftsflohmarkt oder beim AWO-Kaffeeplausch.
Ich sehe mich in der Verantwortung – als Mensch, als Vater, als Bürger, als Sozialdemokrat. Deshalb kämpfe ich im Stadtrat, in Ausschüssen und Quartiersrunden für eine Südstadt, die lebendig bleibt. Eine Südstadt, die niemanden ausschließt. Eine Südstadt, die sich traut, sozial zu sein – auch wenn es unbequem wird.
Was wir brauchen – jetzt:
Mehr sozialen und öffentlich geförderten Wohnraum in der Südstadt
Eine aktive Bodenpolitik, bei der Konzeptqualität über Höchstpreis entscheidet
Den Erhalt von Nachbarschaftsräumen – sei es das AWO Leo, die Kirchen oder Treffpunkte wie St. Meinolf
Eine Politik, die zuhört, versteht und handelt – nicht nur verwaltet
Ein Zuhause ist mehr als vier Wände
Ich schreibe diesen Text nicht nur als Kommunalpolitiker. Ich schreibe ihn als Nachbar. Als jemand, der will, dass seine Kinder auch noch in zehn Jahren stolz sagen können: „Ich komme aus der Südstadt.“
Und dafür lohnt es sich zu kämpfen.
Euer Bernd Wroblewski